effe_Kolloquium

Ein Bericht vom effe-Kolloquium in Helsinki

von Jennifer Fandard - Deutsch von Elisabeth Kuhnle

Europäisches Forum für Freiheit im Bildungswesen (effe) Kolloquium vom 8. bis 11. Juni 2006

Vom 8. bis 11. Juni 2006 fand in Helsinki, Finnland, das 30. Kolloquium des Europäischen Forum für Freiheit im Bildungswesen - European Forum for Freedom in Education statt. Nachfolgend lesen Sie einen Bericht von Jennifer Fandard. Der Bericht von Jennifer Fandard erschien in der französischen Originalfassung im „Bulletin trimestriel, No. 64, été 2006“ des französischen Vereins „Les enfants d´abord“. Jennifer Fandard engagiert sich dort seit vielen Jahren als Vorstandsmitglied und vertrat den Verein bereits mehrere Male bei Veranstaltungen des effe. Als Vertreterin der deutschen Organisationen, die sich für Freiheit im Bildungswesen, Bildung zu Hause und/oder selbstbestimmtes Lernen einsetzen, war Anke Caspar-Jürgens, Vorstandsmitglied des Bundesverband Natürlich Lernen! e.V., mit in Helsinki dabei.

Jennifer Fandard:

8. Juni 2006, 5 Uhr 30: Ich mache mich auf den Weg zum Flughafen „Charles de Gaulle“. Mein Ziel: Helsinki, Finnland, das 30. Kolloquium des Europäischen Forum für Freiheit im Bildungswesen. 15 Uhr: Am Flughafen von Helsinki treffe ich Leslie Barson, die Gründerin von Learning Unlimited, die zum ersten Mal an einem Kolloquium des effe teilnimmt. Monika, eine Lehrerin im Referendariat, ausgebildet in Waldorf-Pädagogik, nimmt uns in Empfang. Wir brechen zum Konferenzzentrum außerhalb Helsinkis, direkt an der Küste des Baltischen Meeres gelegen, auf. Dort hat das Kolloquium bereits begonnen: Die Lobreden des finnischen Kultusministers und des Bürgermeisters von Helsinki auf die Verdienste des finnischen Bildungssystems sind bereits beendet.

Das Thema des Kolloquiums, welches von effe Finnland organisiert wurde, lautet „Schulbildung in Finnland – die beste Europas“. Warum wurde dieser Titel gewählt? Schlichtwegs deshalb, weil die finnischen Schüler und Schülerinnen bei den internationalen PISA-Studien die besten Ergebnisse erzielen. Daher haben nun nicht nur Lehrer sondern auch Regierungen aus aller Welt ihre Augen auf dieses Land gerichtet und versuchen zu verstehen, warum und inwiefern das finnische System „besser“ ist als die anderen. Ein ganzer Tag war daher den Diskussionen rund um die PISA-Studien gewidmet: Mehrere Wissenschaftler der Fakultät für Erziehungswissenschaften an der Universität Helsinki haben dazu gesprochen, ebenso Lehrer aus verschiedenen Ländern, und auch ein Experte dieser Studien. Die anwesenden finnischen Lehrer haben sich viel mit den Resultaten dieser Studien beschäftigt, und wiesen besonders darauf hin, dass nach der Statistik 20 % der finnischen Schüler ungern in die Schule gehen und dass daher das System nicht perfekt sei! Man erklärte uns, dass durch die PISA-Studien nicht Wissen abgefragt wurde, sondern die Fähigkeit eines Kindes oder Jugendlichen, ein Problem zu begreifen und zu lösen, eine Fähigkeit, auf die es in unserer heutigen Gesellschaft ganz besonders ankäme. Einige Universitätsdozenten vertraten die Auffassung, dass sich das finnische System durch eine Pädagogik auszeichne, die den einzelnen Schüler stärker als aktiven Part in seinem Lernen fordere, wodurch sich die guten Resultate erklären ließen. Aber die Studien insgesamt erfuhren heftige Kritik von Seiten der Teilnehmenden: Ole Pedersen, Präsident des internationalen effe-Vorstandes, hat daran erinnert. dass die Vergleichsstudie verschiedene Ziele hat: ihre Ergebnisse können auf verschiedene Weise zugunsten von Lehrern oder Schülern verwendet werden, oder auch um politischen Vorhaben zu dienen. Diese Tatsache erschwert die Interpretation der Ergebnisse und der aus ihnen gezogenen Schlüsse.

Es ist ganz und gar unmöglich, hier in einem kurzen Resümee auf alle gehaltenen Vorträge einzugehen. Daher beschränke ich mich im Folgenden auf das, was die Eltern unbeschulter Kinder besonders interessieren könnte:

Neue Trends in den Forschungen über die Art des Lernens

Einige Beiträge könnten hilfreich sein, wenn man sich um die „Kontrolle“ der Bildung zu Hause Gedanken macht.

Unterrichtsmethoden und Bewertung: Professor Kristi Lonka von der Fakultät für Erziehungswissenschaften der Universität Helsinki sprach über die verschiedenen Unterrichtsmethoden: Die traditionelle Methode ist die Belehrung (instruktive Unterrichtsmethode), bei welcher der Unterrichtende das Wissen weitergibt, wodurch ein „bulimischer Lernstil“ gefördert werden kann: Man versucht, riesige Mengen an Wissen in sich aufzunehmen und man „erbricht“ diese auf die Prüfungsbögen, danach vergisst man sie. Die traditionelle Unterichtsmethode ist wirklich schlecht, weil dabei nur wenig echtes und dauerhaftes Erlernen stattfindet. Die konstruktive Unterrichtsmethode geht dagegen von den Fragen aus, die sich der Lernende stellt, wenn er sich mit einer Aufgabe beschäftigt. Diese letztere Unterrichtsmethode bedingt ein anderes Bewertungssystem: eines, das die durchgeführten Projekte und die Kompetenzen, die durch die Arbeit an diesen Projekten erworben wurden, würdigt, und nicht eines, bei dem nur Wissen abgefragt wird. Gegenwärtig wird eher das Bewertungssystem angewandt, das der instruktiven Unterrichtsmethode entspricht. (Brown 1996, University of Nottingham)

Kreativität: Professor Matti Meri zitierte uns aus einem Text über die Entwicklung der Kreativität, in dem aufgezeigt wird, dass Lernen unter einem Minimum äußerer Zwänge in die richtige Richtung geht (Teresa M. Anabile, Harvard Business School):

Wie tötet man die Kreativität? Mit dem Bewertungssystem Druck ausüben, Belohnungen und Strafen vergeben, den Wettbewerb fördern, die Wahlmöglichkeiten beschränken, kontrollieren („Big Brother is watching you“).

Wie man die Kreativität bewahrt: die äußeren Zwänge so weit wie möglich beseitigen und die Entwicklung von Kompetenzen und Entfaltung von Talenten sowie die intrinsische Freude an der Arbeit so gut wie möglich fördern. Und vor allem: die Leute in Ruhe lassen!

Erfahrungen mit verschiedenen Bildungsformen

Familienschulen – Vortrag von Anke Caspar-Jürgens: Anke war Lehrerin in Deutschland. Das Schulsystem und die den Lehrern und Schülern auferlegten staatlichen Zwänge veranlassten sie, nach neuen Wegen zu suchen, um Kindern zu helfen. Sie erlitt einen schweren Unfall und hatte dadurch Zeit darüber nachzudenken, wie man es anders machen könnte. Sie begegnete einer Gruppe von Familien, die sich wünschten, ihre Kinder zu unterrichten, ohne eine Schule traditioneller Art zu gründen. Sie entschied sich, ihre Erfahrungen und Erkenntnisse diesen Menschen zur Verfügung zu stellen. Dieses Experiment bestärkte sie, einen Verein für Bildungsfreiheit zu gründen, und sie arbeitet mit weiteren Netzwerken und Vereinen in Deutschland zusammen um zu erreichen, dass Pflichtunterricht nicht nur innerhalb von Schulen stattfinden kann, so wie es derzeit in allen deutschen Bundesländern der Fall ist. Sie denkt, dass die Menschen aktiv ihr Recht und Vermögen, sich frei zu bilden, in die Hand nehmen sollten, und dass sie die Regierungen dazu bringen sollten, ihre Bedürfnisse zu verstehen, anstatt sich zu unterwerfen und der Regierung die Macht zu lassen zu entscheiden, wie das Bildungssystem aussehen soll.

Demokratische „Schulen“ und demokratische Bildung – Vortrag von Marko Koskinen: Marko hat vor etwa zehn Jahren Alice Miller gelesen, was für ihn persönlich eine Art Offenbarung war. Dann interessierte er sich für Summerhill. Er erzählte aus seiner eigenen Vergangenheit, bevor er über seine Vision eines zukünftigen Bildungssytems sprach.

„Als ich erkannte, dass viele Jugendliche in der Schule leiden, fragte ich mich, was ich machen konnte, um die Dinge zu verändern. Es ist wahr, dass junge Menschen fast alles aushalten und überleben können, aber solche Situationen müssen vermieden werden. Ich forschte, wie man ihnen helfen könnte, damit sie sich  in ihrer Haut wohl fühlen, und wie man vermeiden könnte, dass die Schule sie aus dem Gleichgewicht bringt. Anfänglich dachte ich, dass ich die Lehrerbildung verändern könnte. Deshalb schrieb ich mich an der Universität Helsinki für ein Lehramtsstudium ein. Aber ich erkannte, dass man uns genauso unterrichtete wie in den Schulen. Also beschloss ich, mit anderen Studenten zusammen eine Gruppe zu gründen und zu verweigern, an der Universität mit Tests, Prüfungen und so weiter zu lernen. Wir trafen uns mit dem Direktor unserer Fakultät und fragten ihn, wie wir es anders machen könnten. Er schickte uns zu einem Professor, der begeistert davon war, eine neue Methode zu finden, um Lehrer auszubilden. Professor Kristi Lonka und andere waren Mitglieder dieser Gruppe, und wir fanden neue Wege des Lernens.

Nach dieser Erfahrung dachte ich, dass ich nun im traditionellen Schulsystem unterrichten konnte, aber ich wollte meine Ausbildung ergänzen. Ich ging in die USA, um mich an der Sudbury Valley School – einer demokratischen Schule – während eines dreimonatigen Aufenthaltes dort weiterzubilden. Als ich zurück kam, hatten sich meine beruflichen Vorstellungen etwas verändert, und ich entschied mich, meine eigene Schule zu gründen, um einigen Jugendlichen zu helfen. Um aber rechtlichen Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen, die im Zusammenhang mit der Gründung einer alternativen Schule auftraten, erinnerte ich mich ans Homeschooling, das in Finnland legal ist. Alle Jugendlichen sind nun also als Heimschüler gemeldet. Wir treffen uns von Zeit zu Zeit in einer Bibliothek unseres Viertels

Homeschooling ist in Finnland völlig legal, und es gibt keine Bestimmungen über Kontrollen im Gesetz. Die Kontrolle erfolgt durch Inspektoren auf lokaler Ebene. Oft prüfen die Inspektoren die Jugendlichen in verschiedenen Fächern, aber eine andere mögliche Vorgehensweise ist, eine Dokumentation der durchgeführten Projekte vorzulegen.

Meine Erfahrung hat mich dazu gebracht, über das System der Zukunft nachzudenken. Ich denke, dass wir uns klar darüber werden müssen, welche Art Gesellschaft wir wollen. Darüber müssen wir nachdenken um zu entscheiden, welche Art der Bildung wir für die kommenden Generationen wünschen. Meine Vorstellungen sind: Ich wünsche mir eine Gesellschaft

  • wo man sich gegenseitig nicht verletzt
  • wo man jeden Menschen in seiner Individualität als wertvoll betrachtet
  • wo sich die Menschen intelligent verhalten (das heißt, ohne den anderen zu schaden, und mit einem ausreichenden Bewusstsein, um dies zu vermeiden)
  • wo man sich sicher und geliebt fühlt

    Meiner Meinung nach ist es unvermeidbar, solch eine Art Gesellschaft anzustreben.
    Wie würde das Bildungssystem in dieser zukünftigen Gesellschaft aussehen?
  • es gäbe kein Lernen unter Zwang
  • und keine Pflichtfächer
  • das Lernen ginge von der natürlichen Neugierde aus
  • das Lernen wäre individuell und sozial
  • die Bedeutung des Spieles als grundlegendes Element des Lernens würde betont werden, und zwar für Menschen jeden Alters
  • die Bildungssysteme würden auf Chancengleichheit beruhen."

Pädagogische Freiheit, Finanzierung und Kontrolle durch den Staat:

Ein japanischer Wissenschaftler, Yoshiyuki Nagata, berichtete uns über eine Vergleichsstudie über die Einstellungen gegenüber der Bildungsfreiheit, die er in vierzehn verschiedenen Ländern durchgeführt hat. Er zeigte eine Grafik, in der die Finanzierung und die Kontrolle verschiedener Schulen verglichen wurden. In den meisten Fällen unterlagen die alternativpädagogischen Schulen, die eine höhere finanzielle Unterstützung erhielten, auch einer größeren äußeren Kontrolle bezüglich ihres Unterrichts, mit Ausnahme von Dänemark und den Niederlanden, wo die Situation allgemein besser ist.

Die Freiheit im Bildungswesen und die Aufgaben des effe

Immer mehr Personen, die mit Bildung und Unterricht zu tun haben, beginnen sich für das Forum (effe) zu interessieren: die Zahl der teilnehmenden Länder steigt, und – was noch wichtiger ist – es kann eine größere Vielfalt an pädagogischen Ausrichtungen festgestellt werden, die im Forum vertreten sind. Besonders deutlich und mit starkem Zuwachs sind Alternativen zur „Schule“ im klassischen Sinn vertreten. Für die Mitglieder des effe steht fest, dass das aktuelle Schulsystem, so wie es in den europäischen Ländern und darüber hinaus mehrheitlich ausgestaltet ist, vielen Kindern nicht entspricht.

Das Forum setzt sich weitgehend aus Lehrer/-innen und Wissenschaftler/-innen zusammen, aber es beginnen auch immer mehr Eltern, daran teilzuhaben, wie zum Beispiel die Schweizer „Elternlobby“, ein Elternverein, der nicht eine bestimmte pädagogische Richtung repräsentiert, sondern für die Genehmigung der freien Wahl der Bildungswege in der Schweiz eintritt, und die „Association des parents et amis de la pédagogie Steiner“ (APAPS) – Verein der Eltern und Freunde der Waldorf-Pädagogik – aus Frankreich, und natürlich die „Homeschooler“, die durch Teilnehmer aus Frankreich, Großbritannien, Deutschland und Finnland im Forum vertreten sind.

Ich denke, dass es wichtig ist, dass wir weiterhin beim effe vertreten sind und sooft wie möglich auch an den Kolloquien teilnehmen. Die Anwesenheit von immer mehr Personen, die Erfahrungen ohne „Schule“ haben, wird für Überlegungen zur Gesellschaft der Zukunft und zur Bildung in dieser Gesellschaft nützlich sein, wie der Vortrag des jungen Marko Koskinen zeigt. Eine Kolloquiumsteilnehmerin erinnerte daran, dass der Ursprung des Wortes „Schule“ das griechische „scholé“ ist, was „Einladung zur Muße“ bedeutet. Auf dieser Basis könnten wir uns alle näher kommen!

Links der vertretenen deutschen Organisationen:

www.netzwerk-bildungsfreiheit.de

www.bvnl.de

www.homeschooling.de

www.hausunterricht.org

www.homeschool.de

www.clonlara.de

www.sfev.de

Hinweisen möchte ich auch auf die Berichte zum Kolloquium auf der deutschen und der englischen Seite von www.effe-eu.org. Professor Reijo Wilenius schließt in seinem Kurzreferat mit den Worten:

"Kurz: Freiheit ist die beste Methode. Genaue Kontrolle der Schulen und Standardisierung der Lehrpläne ist eine ‘Kontraproduktive’ Reaktion auf schlechte oder mittelmäßige PISA-Resultate." Freiheit ist die beste Methode - würde dies allgemein akzeptiert und ernst genommen, stünde auch der Legalisierug jeglicher Form der individuellen und selbstbestimmten Bildung nichts mehr im Wege!