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Physik und Mathe am Küchentisch
Dresden. Martin und Fabian schwitzen über einem Mathe-Test. Abschreiben ist ausgeschlossen - die Lehrerin hat sie fest im Blick. Schummeln ist bei Anke Meier (Name geändert) schon deshalb schwer möglich, weil ihre Schulklasse nur aus zwei Jugendlichen besteht: ihren Söhnen Fabian und Martin.
Anke Meier lässt Klassenarbeiten schreiben, hält sich an Stunden- und Lehrpläne und gibt ihren Kindern Hausaufgaben auf - ohne jemals eine Lehrerausbildung genossen zu haben. "Ich habe Abitur. Ich traue mir zu, den Unterrichtsstoff bis zur zehnten Klasse vermitteln zu können", meint die Mutter. Sie unterrichtet ihre beiden schulpflichtigen Kinder mittlerweile schon im vierten Schuljahr zu Hause. Nach der fünften und sechsten Klasse hat sie ihre Söhne in der Mittelschule abgemeldet, seitdem haben die beiden nie wieder ein Schulgebäude betreten.
"Der Heimunterricht hat viele Vorteile: Ich kann die Stärken meiner Kinder besser fördern und viel stärker auf sie eingehen, als das in der Schule möglich ist", meint Meier. Schule und Privates könne und wolle sie nicht voneinander trennen. "An Alltagssituationen kann ich den Stoff am besten vermitteln." Schwappt in der Küche Tomatensoße über den Topfrand, ist das ein Beispiel für die Existenz des Massenträgheitsgesetzes. Hat der Sohn Durchfall, erläutert die Mutter, welche Verdauungsprozesse im Körper stattfinden.
Was die sächsische Familie macht, ist jedoch in Deutschland illegal. Die Schulpflicht sieht den Schulbesuch verpflichtend vor, die Rechtsprechung erlaubt Heimunterricht nur für Schüler, deren Eltern im Ausland arbeiten oder die wegen Behinderung oder Krankheit nicht transportfähig sind.Trotzdem ist Unterricht zu Hause kein Einzelfall: Jörg Großelümern, Sprecher des Netzwerkes Bildungsfreiheit, schätzt die Zahl der Schulboykotteure in Sachsen auf rund 50 Familien, deutschlandweit geht er von über 500 aus. "Das sind jedoch lediglich diejenigen Familien, die in unserem Netzwerk organisiert sind und von uns Unterrichtsmaterialien und Beratung bekommen." Es gebe darüber hinaus eine hohe Dunkelziffer von Eltern, die ihre Kinder ohne jegliche Unterstützung zu Hause unterrichteten.
Die Gründe für den Schulboykott sind vielfältig, häufig jedoch schicken Eltern ihren Nachwuchs aus religiöser Motivation nicht auf eine öffentliche Schule. Familie Meier ist zwar gläubig, allerdings stört sie sich weder am Sexualkundeunterricht noch an der Vermittlung anderer Weltanschauungen: "Ich habe meinen Jungen von der Schule genommen, weil er dort keine adäquate Förderung bekommen konnte", betont Anke Meier.
In der Grundschule sei Fabians Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) nicht erkannt worden, erst in der fünften Klasse habe man das Defizit diagnostiziert. "Doch da war Fabian schon zu alt, um in einer speziellen LRS-Klasse unterrichtet zu werden", klagt die Mutter. Eine individuelle Förderung in der Mittelschule hätten die Lehrer nicht leisten können, die Schule wurde zur Tortur. "In der sechsten Klasse litt Fabian so unter dem psychische Druck, dass wir uns entschlossen, ihn zu Hause zu unterrichten." Mit Fabian meldete die Familie auch seinen um ein Jahr jüngeren Bruder Martin ab - "um beide gemeinsam unterrichten zu können".
Die Familie hatte Glück - ein Ordnungswidrigkeitsverfahren oder andere Sanktionsmaßnahmen wurden nie gegen sie eingeleitet. Offensichtlich kümmerte sich an der sächsischen Mittelschule keiner darum, ob die beiden Brüder ihrer Schulpflicht nachkamen. "Es ist die Aufgabe der Schulträger, für die Durchsetzung der Schulpflicht zu sorgen", betont Dirk Reelfs, Sprecher des sächsischen Kultusministeriums. "Es ist mir zwar bekannt, dass Familien Heimunterricht im Freistaat praktizieren, dabei handelt es sich jedoch um Einzelfälle", so Reelfs.
Anke Meier hofft, dass ihre Söhne trotz Schulabstinenz zur Abschlussprüfung der zehnten Klasse zugelassen werden. "Es wäre viel einfacher für mich, wenn der Heimunterricht staatlich anerkannt würde", meint sie. Sie habe nichts gegen die Institution Schule - für Hochbegabte und Kinder mit besonderen Defiziten sei sie jedoch nicht geeignet.
Ellen Großhans
Quelle: Dresdner Neueste Nachrichten
http://www.dnn-online.de/dnn-heute/61573.html
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