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Lernen ohne Schule
VON BIANCA POHLMANN
Kölnische Rundschau vom 02.07.2006
In der Küche, direkt gegenüber vom großen Esstisch, steht ein massiver Schreibtisch. Über die Tafel, die darüber hängt, ist quer eine Leine mit Papierblüten gespannt. Doch statt Einkaufsnotizen und Rezeptideen steht auf jeder einzelnen dieser Blumen eine Zeitform: Erklärungen von Präsenz bis Futur II. Hier wird nicht nur gekocht und gegessen, sondern auch gelernt und experimentiert. Und bis zum eigentlichen „Klassenzimmer“ sind es für Janis (4), Karlina (7), Laura (10) und Philhemon (11) nur wenige Schritte.
Stephanie Edel (38) unterrichtet ihre Kinder selbst, und zwar daheim. Seit fünf Jahren ist das Haus der Edels in Lüdenscheid zugleich die Schule ihrer Kindern, nur Philhemon besucht ein Gymnasium. Individuelle Aufmerksamkeit und Betreuung sowie viel Raum für freie Entfaltung, das ist es, was sie sich für ihre Kinder wünschen. Und deutsche Schulen, davon sind sie überzeugt, können dies kaum oder gar nicht leisten. Dass sie damit gegen geltendes Recht verstoßen, ist den Edels sowie den Eltern, mit denen sie sich im Verein „Schulbildung in Familieninitiative“ (SFeV) zusammengeschlossen haben, klar. Denn in Deutschland gilt die allgemeine Schulpflicht.
Freitagmorgen im Hause Edel, auf dem Stundenplan steht Deutsch. Am Tisch im Wohnzimmer brüten nicht nur Karlina und Laura, sondern auch Emmanuel, Grace, Gioia und Joel über einer Kurzgeschichte. Worin sich die Szene von dem Text, den sie zuvor gelesen haben, unterscheidet, will Stepahnie Edel wissen. „Da steht nicht nur, was er sagt, sondern auch, was er tut“, weiß Karlina, bevor die anderen überhaupt Zeit zum Nachdenken haben. Zwischen 7 und 12 Jahre alt sind die Kinder, die hier am Tisch gemeinsam lernen, was Regieanweisungen sind und jetzt in Gruppen selber Szenen erarbeiten sollen.
Das ist es, was Mutter Stephanie Edel, gelernte Diplom-Kulturpädagogin so wichtig findet: Raum für freie Gestaltung und Eigenmotivation. „Es gibt Tage, da stehen die Kinder morgens auf und sagen, wir wollen ein Frühlingsgedicht machen. Dann nehmen wir eben Gedichte durch“, sagt die 38-Jährige, die im Winter ihr fünftes Kind erwartet. Doch es gibt auch feste Unterrichtsstrukturen: Mindestens fünf Stunden Deutsch stehen in der Woche auf dem Stundenplan. Die Hauptfächer lernen alle Kinder - die der Edels und der befreundeten Eltern, die ebenfalls zuhause unterrichten - zwei Mal in der Woche gemeinsam. Der Opa, ein Pfarrer im Ruhestand, unterrichtet Religion. Die Oma, gelernte Grundschullehrerin, und eine weitere Mutter, ebenfalls ausgebildete Grundschullehrerin, unterrichten ebenfalls. Immer freitags kommt zudem eine Kunstlehrerin ins Haus. Englisch gibt es ab dem ersten Schuljahr.
Jeder soll nach seinem Niveau mitkommen, ausgerichtet ist der Unterricht aber immer auf die Ältesten. Und die Kleinen lernen von ihnen mit. So habe Karlina schon als Vierjährige Lesen gelernt, obwohl sie gar nicht in den Unterricht eingebunden war, erzählt Stephanie Edel.
Die Idee, die Kinder selber zu unterrichten, wuchs bei den Edels mit den Kleinen heran. „Ich habe mich bewusst für Kinder entschieden und meinen Beruf aufgegeben“, sagt sie. Als die Kinder schnell hintereinander kamen, wollte sie sie nicht abgeben als „die kostbarste Phase“ begann: die der Wissbegierigkeit. Und heute sieht sie in der heimischen Atmosphäre auch eine Art Schutz. „Ich finde es schön, dass ich meine Kinder davor bewahren kann, Gewaltvideos zu sehen.“ Das Zuhause als Schonraum? „Bis zur Berufszeit haben sich die Kinder zu starken Persönlichkeiten entwickelt, die sich auch im Berufsleben durchsetzen können“, ist Stephanie Edel überzeugt. Toleranz und Sozialkompetenz lernen die Kinder ihrer Meinung nach nicht in der Schule, sondern in der Großfamilie. Und Kontakte zu anderen Kindern gebe es nachmittags beim Spielen oder in der Musikschule.
In NRW rund 50 „Totalverweigerer“
In Nordrhein-Westfalen, so ergab eine Befragung des Schulministeriums in den Regierungsbezirken, gibt es rund 40 bis 50 „Totalverweigerer“, also Eltern, die wie die Edels ihre Kinder nicht in die staatlichen Schulen schicken. Es gibt verschiedene Motivationen dafür: Der Wunsch nach einer individuelleren Förderung, die Ablehnung von Leistungsdruck, die Verhältnisse an Schulen.
Die bekanntesten Fälle aber von Eltern, die ihre Kinder selbst unterrichten, sind evangelikal bis fundamentalistisch eingestellt. Wie bei der hessischen Familie, deren Verfassungbeschwerde kürzlich vom Bundesverfassungsgericht abgelehnt wurde. Der Sexualkundeunterricht und die Vermittlung der Evolutionstheorie widersprachen ihrer Auffassung von der Lehre der Bibel (siehe Kasten).
Für Familien wie die Edels bedeutet dies, dass sie mit Bußgeldern, Pfändungen oder im schlimmsten Falle Beugehaft rechnen müssen. „Es gibt ein flächendeckendes Angebot an Ersatzschulen“, sagt Martin Krampitz von der Pressestelle des NRW-Schulministeriums. Kirchliche-, Montessori- oder Waldorfschulen seien eine Alternative. Die Idee, selber eine Freie Schule zu gründen, haben die Edels und ihre Mitstreiter ad acta gelegt. Zwar gebe es im Anbau ausreichend Platz, aber allein die finanziellen Mittel, die notwendig seien, um das langfristige Bestehen zu gewährleisten und die Auflagen bezüglich der Klassenfrequenz hielten den SFeV von den Plänen ab.
Eine Familie des Vereins bereitet mittlerweile die Auswanderung nach Dänemark vor. Denn dort besteht wie in anderen europäischen Ländern eine Bildungs- beziehungsweise Unterrichtspflicht, aber ohne Bindung an staatliche Schulen. Laura, die Zweitälteste, wird nach den Sommerferien wie ihr großer Bruder das Gymnasium besuchen. Karlina hat vor kurzem Probeunterricht in einer zweiten Klasse besucht. „Laut, langweilig und weit“, war ihr Urteil, zwei Stunden Fahrtzeit mit dem Bus muss sie zur Grundschule einplanen. Wie genau es weitergehen wird, können die Edels nicht sagen. Aber sie wollen sich auf jeden Fall politisch weiter für das „Homeschooling“ einsetzen.
HINTERGRUND: Trend aus Amerika
Während der Heimunterricht in Deutschland nicht erlaubt ist, sind „Homeschooling“ und „Home Education“ international durchaus verbreitet. Das Lernen ohne Schulbesuch ist vor allem im englischsprachigen Raum stark vertreten. In den Vereinigten Staaten liegt die Zahl der Schüler, die ihr Klassenzimmer daheim haben, zwischen 1,1 und 2 Millionen. Homeschooling hat in den USA eine lange Tradition. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts lernten viele Kinder Zuhause. Im 20. Jahrhundert setzten sich die staatlichen Schulen durch, erst in den 70er Jahren wurde das Homeschooling wieder entdeckt.
Auch in Europa gibt es immer mehr Eltern, die ihre Kinder nicht in staatlichen Schulen unterrichten lassen wollen. Die amtliche Zahl der Heimschüler in Frankreich lag im vergangenen Herbst bei rund 20 000. Und Privatschulen, die Fernkurse anbieten, berichteten von einem verstärkten Zulauf. In Deutschland schwanken die Schätzungen der Zahl von Heimschülern zwischen 500 und 300.
Meist sind es Eltern, die ihre Kinder selber unterrichten oder es geschieht - wie bei den Edels - in Kooperation mit anderen Familien. Genutzt werden die üblichen Schulbücher, in den USA gibt es einen regelrechten Markt für Unterrichtsmaterialien, die Eltern nutzen können. Auch Fernuniversitäten bieten Material an. In Deutschland finden christliche Eltern Unterstützung bei der „Philadelphia-Schule“ in Siegen, einem Heimschulwerk, das zu Hause unterrichtende Eltern mit Lernprogrammen und Seminaren vorbereitet. Aber gerade die Qualifikation der Unterrichtenden ist einer der Hauptkritikpunkte.
Während in Deutschland der Begriff der „Schulpflicht“ (siehe Kasten) die gesetzliche Grundlage bestimmt, wird das Recht der Kinder auf Bildung im Ausland auch als „Lehrpflicht“ (beispielsweise Finnland und Holland), Bildungspflicht (Großbritannien und Frankreich) und Unterrichtspflicht (Norwegen) definiert. Das ermöglicht Eltern unter verschiedenen Voraussetzungen, ihre Kinder selber zu unterrichten. In einigen Länder (z.B. Österreich) müssen Kinder, die häuslichen Unterricht bekommen, am Ende des Schuljahres eine Prüfung ablegen, um zu zeigen, dass die festgeschriebenen Lehrziele erreicht wurden. (bpo)
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