 |
 |
Federica 6 Jahre Ihre Schule ist zu Hause Die Lehrer sind Mama und Papa: "Es ist ein Recht, so besagt es die Verfassung"
Corriere della Sera, Di., 11.10.2005
Paderno (Brescia):
Federica, 6 J. alt : Die Schule ist ihr Zuhause; das Klassenzimmer ist klein, eingerichtet mit Möbeln, Tafel und Schulbank. Buchstaben des Alphabets hängen neben Familienfotos an der Wand. Ihre Lehrer sind Mama, Papa und zwei ihrer Freunde: Lehrer besonderer Art in nicht–öffentlichem Wirkungsbereich, nämlich im Familiären, anders als in der staatlichen Schule; privat, jedoch nach strengem Lehrplan des Kultusministeriums. Perfekt geregelt, findet diese Schule bei der Schulbehörde der Provinz viel Zustimmung. Am Ende des Jahres wird geprüft.
Der Vater Simone Mazzata erklärt: „Es handelt sich hier um ein Recht. Das bedarf keiner Genehmigung.“ Er ist für eine Abteilung im Rathaus verantwortlich. – „Art. 30 der Verfassung sagt aus, dass es die Pflicht und das Recht der Eltern ist, die Kinder zu behalten, zu lehren und zu erziehen. In Fällen elterlicher Inkompetenz sieht das Gesetz vor...“ Simone und seine Frau Daniela erzählen, dass ein Beamter glaubte, sie wollten sich vor der öffentlichen Schule drücken. Sie haben die Schule nach Hause verlegt und übernehmen die Verantwortung für die Erziehung und die Bildung der eigenen Tochter.
Die Mutter, Grundschullehrerin mit einem Diplom für professionelle Erziehung, lehrt Sprachen, Mathematik und Zeichnen. Ihr Mann hat das Staatsexamen der Politikwissenschaften, bringt der Tochter aber Englisch und Geografie bei. Rita vertraut er den naturwissenschaftlichen Bereich an, und um die Musik kümmert sich außerdem Chiara, die ein Diplom vom Konservatorium hat.
„Unsere Schulform ist keine Kritik an der traditionellen Schule“ erklärt Daniela. Ihr Interesse besteht darin, in der Erziehung Federicas die Hauptperson und erste Ansprechpartnerin zu sein.
Mit großer Bestimmtheit wollen sie sich von rigidem Reglement distanzieren: statt des Wettbewerbs ersetzen wir die traditionelle Art und Weise durch das Verfolgen einer Vision von mitwirkender und beteiligender Pädagogik, um Federica ein Gleichgewicht zwischen Geist, Herz und Seele herstellen zu helfen.
Die Beschulung für Federica spiegelt präzise die Wahl der individuellen Lebensform („nach langem Überdenken“) von Daniela und Simone wieder. „Wenn ihr Leute in unserer Umgebung fragt, finden sie uns etwas seltsam. Und so ist es. Aber wir suchen nach einem Leben voller Liebe. Wir wollen das ganz intensiv verwirklichen. Das haben wir uns gegenseitig versprochen, als unser zweieinhalbjähriger Sohn Brunetto, Federicas Bruder, von uns gegangen ist. Wir denken oft an ihn und träumen von einer Welt der Liebe und des Friedens. Wir haben ihm unser Ehrenwort gegeben, so zu leben.“
„Wenn die Erfahrung Federicas“, so hoffen die Eheleute Mazzata, „sich zu einem Schulmodell entwickelt, das von Anderen akzeptiert wird, steht der Name dafür schon fest: `Brunetto´.“ So wird der verfrühte, herzzerreißende Tod eines Sohnes dem Leben Sinn geben: „Wir sind überzeugt, dass nur das Bemühen, die Kinder zu lieben, sie glücklich macht – in Bezug auf sie selbst, mit Anderen und mit der Welt.“ Daniela führt weiter aus: „Deswegen halten wir jetzt also grundsätzlich an einem Erziehungsmodell fest, das die Kreativität hervorbringen wird, Intuition und starken geistlichen Feinsinn. Das alles tragen die Kinder schon in sich. Mit Federica versuchen wir ganz absichtlich, diesen Weg zu gehen.
Und was ist mit der Sozialisation? „Die Wertvorstellungen sind sehr oberflächlich geworden, besonders schlimm im Hinblick auf die heutige Gesellschaft,“ wirft Simone ein. „Dem ziehen wir langfristig angelegte, qualitative, von Echtheit und Tiefe geprägte Beziehungen vor. Das Sozialisationskonzept wird mit Inhalten gefüllt. Wir versuchen das unserer Tochter in Bezug auf die Außenwelt auch beizubringen. Von Außen sieht man nicht, dass sie isoliert zu Hause lebt: an zwei Vormittagen besucht sie mit Altersgenossen die Badeanstalt und beginnt bald einen Schauspielkurs für Kinder. Es gibt auch noch die Nachbarn, die Cousins, die Kinder von Mutters Freunden und die der Freunde des Vaters. Und da ist noch Jerry, ein Hündchen bei ihr zuhause, das sich zu Unterrichtsbeginn unter der Schulbank um Federicas Füße schmiegt, und darauf wartet, dass die Stunde zuende ist und Federica dann mit ihm im Garten spielen wird.
Der Schulamtsleiter: "Eine positive Erfahrung, wir werden die Eltern unterstützen" Die Familienschule (scuola familiare) ist selten in Italien, aber weit verbreitet in den USA (ca. 2 Millionen) und in England. "Erfahrungsgemäß geschieht dies wenn der Zugang zu einer herkömmlichen Schule nicht möglich ist, z.B. wenn man in einem weit abgelegenen Ort wohnt oder bei Kindern, die ihre Eltern auf längeren Reisen begleiten", erklärt Mario Giacomo Dutto, Schuldirektor der Lombardei, "der Fall in Brescia ist jedoch, weniger auf praktische Erfordernisse als auf ethisch-religiöse Motive zurückzuführen." ... "In einer Gesellschaft, die alles auf die Schule abschiebt, ist der Fall von Frederica positiv zu bewerten", sagt der Schulamtsleiter von Brescia Giuseppe Colosio. "Wir werden das Ehepaar Mazzata auf ihrem Weg konsequent unterstützen, wie es vom Gesetz vorgesehen ist, ohne irgendwelche Nachteile."
Nunzia Vallini
Ins Deutsche übersetzt von Michele Zarbo und Thomas Mayer (Alle Rechte vorbehalten)
|