effe_Kolloquium

Bildungsexperten und Homeschool-Familien trafen sich zum 1. Europäischen Kolloquium in Reims
 
Wissenschaftler, Organisationen und Familien aus ganz Europa waren der Einladung nach Frankreich gefolgt
Das Folgetreffen im nächsten Jahr soll in Deutschland stattfinden

 
Am 22. und 23. April fand in Reims, Frankreich, das "Erste Internationale Kolloquium zur Bildung von zu Hause aus" statt. Geladen hatten "Les Enfants d'Abord", eine französische Vereinigung von Familien, die ihre Kinder nicht zur Schule schicken, sondern als Bildungsweg die in der Verfassung vorgesehene "instruction en famille", den Unterricht zu Hause, gewählt haben. Unterstützt wurde dieses Kolloquium vom Europäischen Forum für Freiheit im Bildungswesen, kurz EFFE, das - unter der Schirmherrschaft von Dr. Hildegard Hamm-Brücher - als NGO auf EU-Ebene tätig ist.
 
Die meist vereinfacht "Homeschooling" genannte Home Education ist in fast allen Ländern ausser Deutschland eine legale und mehr und mehr praktizierte Bildungsalternative zum täglichen Schulbesuch. Das Kolloquium hatte zum Ziel, Familien und Wissenschaftler aus Frankreich und den anderen, vor allem europäischen Ländern, miteinander in Kontakt zu bringen und zum Austausch im Interesse von mehr Bildungsfreiheit anzuregen. Zur vollen Zufriedenheit der Veranstalter war das Kolloquium bis auf den letzten Platz ausgebucht, neben den zahlreich erschienenen Familien aus Frankreich hatten sich Vertreter von Homeschool-Organisationen und Wissenschaftler aus Irland, den Niederlanden, Grossbritannien, Belgien, der Schweiz - und Deutschland eingefunden.
 
Obwohl in Deutschland der Hausunterricht unter Hitler 1938 endgültig verboten wurde und das Schulpflicht-Gesetz nach derzeitiger Rechtssprechung noch immer im Sinne einer Schulanwesenheitspflicht und nicht im Sinne einer Bildungspflicht ausgelegt wird, wurde durch die Präsenz von sieben deutschen Organisationen, die sich für die Legalisierung des Hausunterrichts in Deutschland einsetzen, deutlich, dass diese Bildungsmethode auch in der Bundesrepublik mehr und mehr praktiziert wird. Wurde die Zahl der zu Hause unterrichteten Kinder noch 2002 auf knapp 200 geschätzt, sind es neueren Schätzungen zufolge bereits an die dreitausend, obwohl die Familien teilweise mit harten Zwangsmassnahmen der Behörden rechnen müssen.
 
Die Berichte der deutschen Vertreter wurden von den anderen Ländern mit grossem Interesse und erklärtem Unterstützungswillen aufgenommen, im Zuge des Inkrafttretens des Europäischen Verfassungsvertrages soll Hausunterricht in allen Europäischen Ländern möglich werden. Von der Bundesregierung bereits ratifiziert, hat die Rechtssprechung im Gegensatz dazu bisher gegen die Anträge der deutschen Familien entschieden, so dass - für ganz Europa relevant - inzwischen acht Fälle der Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte harren.
 
Interessant waren für die Teilnehmer vor allem die Informationen und Erfahrungen in den anderen Ländern. So gilt etwa in Frankreich, wo der Hausunterricht eine lange Tradition hat, die Einschreibung in einer Fernschule bereits als Beschulung im Gegensatz zur reinen Unterrichtung in der Familie. In letzterem Fall wird nur anhand von jährlichen Kontrollen durch die nationale Schulbehörde festgestellt, ob eine altersgemässe Unterrichtung gewährleistet ist. Dass laut Gesetz die Nationale Schulbehörde mit der Durchführung dieser Kontrollen betraut wurde, ist, laut Jennifer Fandard, der Rechtsbeauftragten des Vereins, nicht immer unproblematisch. Die im herkömmlichen Schulsystem ausgebildeten Inspektoren können sich oft nur mit Mühe auf andere pädagogische Ansätze einstellen. Deshalb hat "LED'A" einen Wegweiser für Inspektoren entwickelt, um ihnen die spezifischen Ansätze und Bedürfnisse der Familien nachvollziehbar zu machen, die in erster Linie von Familie zu Familie unterschiedlich, meist individuell am Kind und dessen Bedürfnissen und Entfaltungswünschen orientiert sind. Die verschiedenen Workshops, die im Rahmen des Kolloquiums angeboten wurden, sollten deshalb auch eine Möglichkeit bieten, in die Praxis der Home Education Einblick zu nehmen.
 
Dr. Alan Thomas vom Bildungsinstitut der Universität London gab etwa am Samstag vormittag einen Einblick in die verschiedenen Lernformen, Jugendliche und Eltern nahmen im Podium zu Fragen und eigenen Erfahrungen Stellung. Leslie Barson, Gründerin des Education Otherwise Club in London und Mitbegründerin der Europäischen Plattform "Learning Unlimited" zeigte Beispiele für Organisation und Gründung von Lerngemeinschaften, Bildungsnetzwerken und Ressourcen auf.
 
Im Mittelpunkt blieb durch die internationale Zusammensetzung der Teilnehmer aber immer die Frage, zu der bei der Abschlussveranstaltung am Sonntag Robert Bell von EFFE Stellung nahm: "Wie können wir zusammenarbeiten für Respekt und Ausbau der Bildungsfreiheit europaweit?". Und da geht es immer wieder um die rechtliche Situation in den einzelnen Ländern. Eine sehr positive Regelung im Sinne aller Beteiligten wurde in Irland gefunden. Kim Prierce berichtete, dass in Irland, wo Hausunterricht als unantastbares Elternrecht gilt, im Interesse der Absicherung des Bildungsrechtes der Kinder eine staatliche Kontrollmöglichkeit geschaffen wurde, die sicherstellt, dass den Kindern ihr Recht auf eine angemessene Bildung nicht vorenthalten wird, die aber die Privatsphäre der Familien und die unterschiedlichen pädagogischen Konzepte nicht verletzt: dank dem Engagement und der Erfahrung der Homeschool-Familien wurden die Richtlinien in gemeinsamer Arbeit von Betroffenen und Behörden entwickelt - bis jetzt zur Zufriedenheit aller.
 
Auch in England sind die Familien grundsätzlich mit den Regelungen bezüglich des Hausunterrichts, die als mit die liberalsten in der Welt gelten, zufrieden - wenn sie auch durch ständigen Einsatz daran arbeiten müssen, dass das so bleiben kann. Wieder anders in den Niederlanden, wo erst kürzlich eine gesetzliche Regelung geschaffen wurde, so dass noch nicht genügend Erfahrungen damit vorliegen, oder in der Schweiz, die die rechtliche Situation aller Länder innerhalb ihres Staatsgebietes vereint: von "möglich ohne Einschränkungen" bis hin zu "verboten" lauten die Gesetze in den einzelnen Kantonen, die, wie die Bundesländer in Deutschland, die Bildungshoheit haben.
 
In diesem Zusammenhang wäre die Anwesenheit von Vertretern aus den osteuropäischen Ländern, wo in den letzten Jahren fast überall eine gesetzliche Grundlage für Home Education geschaffen wurde (in Russland haben die Eltern sogar Anspruch auf finanzielle Unterstützung) oder aus den skandinavischen Ländern wie Norwegen, dessen Ministerin die Möglichkeit des Hausunterrichts schlicht ein Menschenrecht nennt, sicher fruchtbar gewesen.
 
Nachdem das Folgetreffen im kommenden Jahr auf Anregung Frankreichs in Deutschland stattfinden soll, ist zu erwarten, dass nach dem Erfolg dieses ersten Kolloquiums sich auch aus diesen Ländern Vertreter anschliessen werden. Aus geographischer Sicht liegt Deutschland sogar günstiger - und das positive Interesse der Öffentlichkeit am Thema Bildungsfreiheit hat sich schon anlässlich der Internationalen Konferenz Demokratischer Schulen, IDEC, in Berlin im letzten Jahr gezeigt.
 
 
Birgit Lohff