Sozialisation durch Schule oder anders


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von Jan Edel
Vermeintlich mangelnde Sozialisation ist das größte Vorurteil gegen Kinder in Deutschland, die alles ohne Schule lernen (Homeschooling). Angesichts von Gesprächen mit Familien, die 'Home Education' praktizieren, kann diese Annahme aber nicht nachvollzogen werden. Im Gegenteil, die betreffenden Kinder sind in der Regel umgänglich, sehr interessiert, selbstständig, eigenverantwortlich, individuell und selbstbewusst. Breitenstudien aus England, Kanada und den USA, den Ländern mit den meisten Homeschool-Erfahrungen, treten an bereits erwachsenen Homeschoolern den Beweis dafür an .

Wie kann das sein?

Dieser Artikel soll Licht ins Dunkel von Vorurteil und Mutmaßung bringen.

Zunächst soll aufgezeigt werden, was Sozialisation bedeutet und was erstrebenswert daran ist. Ein zweiter Teil will die Aufgabe und Verantwortung, aber auch die Wirklichkeit der Schulen beleuchten. Im letzten Teil dieses Artikels wird die Situation und Perspektive in Familien unter die Lupe genommen werden, die sich gegen die Sozialisation in Schulen entschieden haben.

1. Was ist Sozialisation und wie geschieht sie?

Das Geheimnis einer gesunden psycho-sozialen Entwicklung und individuellen Entfaltung von Kindern sind Prozesse in möglichst vielen, festen und vertrauensvollen Verbindungen mit Erwachsenen, die persönlich verantwortlich für diese Kinder sind. Aus Afrika kommt das passende Sprichwort: „Zum Aufziehen eines Kindes bedarf es eines ganzen Dorfes“. Der Unterschied zu den Möglichkeiten der Schule ist die Vermeidung der quasi ausschließlichen Orientierung an unreifen Gleichaltrigen. Die Lern- und Bindungsforschung zeigt immer deutlicher, wie nachhaltiges Lernen mit Bindung, also Nähe und Beziehung zu reiferen Erwachsenen zusammenhängt. Sozialer Umgang mit Menschen unterschiedlichen Alters fördert soziale Kompetenz. Individuelle Beschäftigung reiferer Menschen bzw. Erwachsener mit Kindern eröffnet ihnen die Welt. Goethes Satz „Man lernt nur von dem, den man liebt“ drückt aus, dass reale Lebensbezüge und liebevolle Interaktion mit den reiferen Generationen entscheidend für Persönlichkeitsentwicklung und damit für die Zukunftschancen eines ganzen Lebens sind. Der Kanal der Kultur- und Wertevermittlung ist also Approximitätii, die nur vom Elternhaus ausgehen kann und in Schulen meist keine Anknüpfung finden kann. Das revolutionäre und in Deutschland neu erschienene Buch „Unsere Kinder brauchen uns“iii von Dr. Neufeld und Dr. Maté bringt diese Thesen auf den Punkt. Demnach brauchen wir z.B. die Familie, weil Kinder durch feste Bindungen etwas erwerben können, was man in der Schule nicht so schnell, nicht so gut oder gar nicht mehr werden kann: Persönlichkeit.

Als hilfreich für die meisten Kinder werden – unabhängig von Schule – überschaubare, weitgehend jahrgangsübergreifende Lerngruppen in möglichst realen Lebensbezügen und mit vertrauten Lernbegleitern empfohlen. Schule und Lehrpersonal können diese Anforderungen lange nicht mehr erfüllen. Die Fähigkeit zu differenziertem Denken, zu Empathie und zu vielfältigen Empfindungen bedeute Substanz, Identität, Reife, soziale Integrationsfähigkeit und letztlich Kultur. Lernforscher, Kinderpsycholgen und Neurowissenschaftleriv fordern viel mehr individuelle Beschäftigung reiferer Menschen bzw. Erwachsener mit Kindern und Jugendlichen.

Beim Thema 'Homeschooling' in SternTV am 13.09.2006 sagte die Bildungssenatorin von Hamburg Frau Dinges-Dierig: "Wir müssen unsere Kinder auf die pluralistische Gesellschaft vorbereiten, damit sie wissen, wo sie stehen". Recht hat sie, wenn sie nicht wie viele der Annahme verfällt, dass unser Schulsystem dazu geeignet und dieser Aufgabe noch gewachsen sei.

In der Öffentlichkeit wird ziemlich undifferenziert von "der Sozialisation" gesprochen. Diese ist mitnichten immer positiv. Es gibt sehr wohl negative Sozialisation, die man übrigens stark ausgeprägt gerade im schulischen Umfeld finden kann.

Gesellschaftsfähiger, sozialer Umgang steht in keinem Lehrplan und wird in Schulen bisher offensichtlich unzureichend eingeübt. So stellt der Erziehungswissenschaftler Wolfram Ellinghaus fest: „In den umfangreichen Materialien finden sich keinerlei Informationen, Anregungen und Empfehlungen für die inhaltliche Gestaltung des Unterrichts mit dem Ziel, die Schüler in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu hochwertigem Verhalten zu fördern“.

Viel zu oft herrschen stattdessen Mobbing, physische und psychische Gewalt, Gruppendruck und Cliquen-Wirtschaft. Es darf auch nicht vergessen werden, dass die „Schulklasse“ kein wirklich natürlicher Lebensraum für Kinder ist.

2. Sozialisation in der Schule

Wenn die Schule der einzige Ort wäre, wo soziales Verhalten und Toleranz gelernt würde, hätten wir ein ganz anderes Gesellschaftsbild. Im schulischen Alltag zeigt sich sogar immer deutlicher, dass altersgleiche Gruppen viel eher zu Ausgrenzungsmechanismen neigen – natürlich je nach Gesellschaftsschicht in unterschiedlichen Nuancen. Die Politik darf nicht mehr die Augen davor verschließen, dass Schule zum Teil ein Nährboden für das uneingeschränkte Ausleben des Rechts des Stärkeren geworden ist, das menschenverachtende Formen annehmen kann.

Die typisch deutsche Behauptung, der Schulbesuch sei zur gesunden Sozialisation unerlässlich, wird ständig wiederholt, jedoch nie belegt. Die heute sichtbar werdende Sozialisation unter fast ausschließlich Gleichaltrigen, also in einer Art Monokultur, offenbart sich vielmehr als eine gefährliche Entwicklung zu Konformität unter Anpassungsdruck als das Erlernen sozialen Umgangs. Auch angesichts der Beobachtung von Pausensituationen und dem Geräuschpegel aus Klassenzimmern heraus kann das Argument für Schulbesuch zum Zwecke von Sozialisation nicht nachvollzogen werden. Das, was unserer Gesellschaft am meisten geschadet hat, ist, dass es den Menschen heute nicht mehr gegeben ist, in zwischenmenschlichen Beziehungen aufrichtig zu leben und sich verbindlich der Verantwortung füreinander zu stellen. Daher ist gerade die fehlgeleitete Sozialisation ein Hauptbeweggrund für immer mehr Eltern, sich in grundsätzlicher Weise Gedanken um unser Schulwesen und um Alternativen zu machen.

Bei einem Referat von Professor Richard Meier zum Thema "Schulfähigkeit" im Main-Rhein-Gebiet sagte er, vielen Kindern fehlten die elementarsten Formen des Verhaltens. In den Grundschulen strebe man immer mehr die "Normierung" an, eine nicht ganz gesunde Form eines "Bildungseintopfes", von dem nur geistig privilegierte Kinder profitierten. Genau dieser Mangel in Zeiten von Rütli-Schulzuständen, kultureller Verarmung, Handy-Horror und weiteren Auswüchsen verfehlter Sozialisation der Jugend in Cliquen und Gangs ist es ja gerade, der den Ruf nach kleinen, privaten Schulalternativen immer lauter werden lässt.

Ein paar provokante Fragen hierzu seien gestattet: Ist es rechtsstaatlich unbedenklich, dass der Staat sich durch Schulbesuchszwang erlaubt, für alle fest zu legen und zu bestimmen, dass jedes Kind a) sich auf dem Schulhof auch mal prügeln dürfen muss, b) auch mal schwänzen dürfen soll und c) zur Abwechslung auch mal Lehrer ärgern soll, um gesellschaftsfähig zu werden? Kommt es dadurch später im Leben wirklich besser zurecht? Trägt diese Art der Sozialisation nicht eher zu früher Kriminalität bei? Wird unserer Rechtsstaat nicht in Zukunft sogar gefährdet, wenn schon in der Schule alles nur darauf ankommt, sich irgendwie "durchzuschlagen"?

Durch die langjährige Gewöhnung an unsere Art der Schulpflicht mit Schulbesuchszwang nimmt man immer noch felsenfest an, dass Kinder nur beim Stillsitzen und nicht mehr beim Spielen Freunde gewinnen. Nur unter "Klassenkameraden" werde man "normaler" Bürger und reife Persönlichkeit. Können Kinder nicht mehr von ihren Nächsten (Eltern, Freunden, Verwandten) oder in normalen Begegnungen in die plurale Welt der Möglichkeiten des Lebens eingeführt werden? Ist Sozialisation in Deutschland so anders, dass hier zwingend die Schulpflicht dafür herhalten soll? Kann Sozialisation überhaupt durch Schulbesuch erzwungen werden? Ist das freiheitlich-demokratisch? Als Erwachsene suchen wir uns unseren Umgang und unsere Freunde auch selbst aus.

Anders ausgedrückt: Dass Hühner in Legebatterien nicht artgerecht gehalten werden, ist jedem klar. Unseren Freund, den Hund sperren wir auch nicht unter 30 gleichaltrige Welpen ein, damit er gesellschaftsfähiges Verhalten lernt. Warum nur wird weitgehend angenommen, dass unsere Kinder 10 bis 13 Jahre in vermasste Schulklassen gepfercht werden müssen, damit sie anständig sozialisiert werden? Als Erwachsene würden wir uns das nicht gefallen lassen.

Es kann nicht sein, dass Zwangsintegration in eine bestimmte Schulklasse als ein an sich schon massiver Eingriff in die persönliche Entwicklungsfreiheit eines jeden Kindes nur mit unbewiesenen Annahmen gerechtfertigt wird. Nicht eine einzige Studie kann eine bessere Sozialkompetenz von Schulkindern im Vergleich zu Homeschool-Kindern belegen. Dagegen gibt es aus Ländern, in den Homeschooling häufig vorkommt, zahlreiche wissenschaftliche Breitenstudien, die sehr eindrücklich zum gegenteiligen Ergebnis kommen.

Woher sollen unsere Kinder nur wissen, wo sie stehen, wenn sie noch nicht das Rückgrat, das Selbstbewusstsein und die Freiheit besitzen, sich ihre eigene Meinung zu bilden? Die meisten werden wohl eher zu Mitläufern, noch weit bis in das Teenager-Alter hinaus. Sie möchten natürlich zur Gruppe gehören und nicht mit ihrer Meinung alleine dastehen.

Sozialisationszwang als Eingriff in die Rechte des Kindes sind erst recht fragwürdig, wenn die naturgegebenen Sozialisationsinstanzen Familie und Nachbarschaft intakt sind und dazu bereit stehen, den Kulturtransfer zur nachfolgenden Generation eigenverantwortlich, kompetent und nachprüfbar zu gestalten.

Schule sollte zu positiver Sozialisation beitragen und hoffentlich gelingt es ihr vielleicht in Teilen. Im Grundsatz bedenklich ist jedoch schon allein, wenn Politik und Staat sich anschi-cken, die Art der Sozialisation, konformes Verhalten und die persönliche Kultur jedes kleinen Menschen festzulegen. Dass sie statt ihrer bloßen Aufsicht über die Qualität und Organisation der Unterrichtsinstitutionen auch das Wie und Wo der elementaren Bildung beherrschen, ist in Anbetracht internationaler Verhältnisse bedenklich genug.

Angeblich gute Sozialisation durch den regelmäßigen Besuch an einer Schule muss im Ergebnis als vorgeschobenes Argument für Homeschool-Gegner gewertet werden.

3. Sozialisation beim Homeschooling

Wie sieht es nun beim sogenannten Homeschooling aus?

Außerschulisches Lernen findet nicht in Einzelzellen im Keller statt, sondern ohne jede Beschränkung. Durch die Vorstellung von Familie als Gefängnis entlarvt sich ein familienfeindliches Vorurteil der ’68er – oder vielleicht von geschwister- und kinderarmen Mitbürgern. Familien, in denen Homeschooling praktiziert wird, sind in auffälliger Weise sehr oft recht kinderreich. Und die Kinder lieben es, in der erweiterten Großfamilie zu lernen. Homeschooler sind dank Internet weltweit, bundesweit und manchmal auch lokal vernetzt, sobald Möglichkeiten dazu bestehen. Soziale Einbettung, Verhalten und Benehmen erproben Homeschooler in ihrer altersheterogenen Umgebung und bei ihren vielen außerhäuslichen Aktivitäten.

Die den Kindern und Jugendlichen wichtigen, weil freiwilligen Begegnungen – ob mit oder ohne Schulbesuch – finden sowieso am Nachmittag oder abends, auf dem Spielplatz, auf dem Bolzplatz, auf der Straße, im Freizeitbad, im Chor oder im Sportverein statt. Homeschool-Kinder haben dazu mehr Gelegenheit als ihre gestressten Kameraden aus der Schule, die ohne Hausaufgabenbetreuung und Nachhilfeunterricht kaum mehr Chancen auf schulischen Erfolg haben.

Zur echten sozialen Entwicklung gehört nicht primär, sich in einer Peer-Group zu behaupten – denn das schafft jeder „Rütli-Schüler“ mit unsozialsten Mitteln – sondern jahrgangs- und generationsübergreifenden Respekt zu lernen und dementsprechend zu handeln. Die Peer-Group kann unter Umständen auch zur sozialdarwinistischen Folterkammer werden.

Es hat sich gezeigt, dass Konfliktbewältigung, die in der Großfamilie mit allen Freunden modellhaft gelernt wurde, auf jeden anderen Lebensbereich übertragen werden kann. Das in der Familie Versäumte ist hingegen unwiederbringlich. Anders ist die mangelnde Frustrationstoleranz und defizitäre Fähigkeit zur Konfliktbewältigung bei anderen Jugendlichen nicht zu erklären. Bei allen politischen Anstrengungen gilt es daher, vorrangig wieder das Wohl und die natürliche Funktion der Familie für die Sozialisation des Menschen zu fördern. Und jeder, der heute Kinder verantwortet und halbwegs weiß, was sie so treiben, wird versuchen, gefährliche Gruppenzwänge unter Gleichaltrigen zu vermeiden und eine möglichst generationsübergreifende Sozialisation zu ermöglichen. Mehr denn je brauchen wir in unseren Zeiten kreative Vorbilder und nicht Nachäffer oder Mitläufer.

Geführte Auseinandersetzungen gibt es in einer mühsam disziplinierten Klasse weniger als im realen Leben. Ohne Schulklasse lernen Kinder auf mannigfaltige Weise, verschiedenste Konflikte zu bewältigen, besonders durch eine liebevolle und achtsame Betreuung durch ihre Nächsten. Durch den Genuss eines respektvollen Klimas in Elternhaus und Umgebung verankern sich Werte wie Vertrauen, Verlässlichkeit, Verantwortung, Gewissenhaftigkeit und Rücksichtnahme wesensmäßig im Kind.

Fazit

Angesichts der vorangegangenen Überlegungen kann man zu folgender, noch viel grundsätz-licheren These gelangen. Speziell das staatlich betriebene Bildungswesen, das nämlich alternativlos ‚Schule‘ bedeutet, konnte in Verbindung mit einer vaterlosen und den Wert der Familie ablehnenden Gesellschaft dazu führen, dass Bildung, Kultur und Tradition immens an Bedeutung verloren haben. Oder bildlich gesprochen: Die einstigen Stärken der Nation der Dichter und Denker wurden wie Asche aus dem Raumschiff eines dahindämmernden und in jeder Beziehung verarmenden Staates geschüttet. Wenn auch der Beweis dafür noch erbracht werden muss, lohnt es sich jedenfalls, darüber nachzudenken. Auch Nachdenken, Hinterfra-gen, Differenzieren sind Formen gelebter Bildung und Kultur. Als Fazit dieses Artikels kann zumindest Folgendes festgehalten werden:

1. Gute Sozialisation von heranwachsenden Kindern ist stark abhängig von möglichst intensivem, individuellen Umgang mit vorbildlichen Erwachsenen aus verschiedenen Lebens-bereichen und mit Menschen verschiedenen Alters.
2. Es ist an der Zeit, den verbreiteten Mythos zu entlarven, dass speziell oder sogar aus-schließlich Schulen zu erwünschter Sozialisation beitragen.
3. Gerade eine hohe soziale Kompetenz ist Motivation für immer mehr Eltern (und Arbeit-geber), sich neu zu orientieren und nicht blindlings den schulischen Einrichtungen zu vertrauen.

i homeschooling.de/studien.htm

ii Mit Approximität ist Nähe zum Nächsten, zum Kind gemeint, ein Begriff, der bei Psychologen, Psychiatern und Bindungsforschern das ausdrückt, was unserer Gesellschaft fehlt. Praktische Umsetzung ist Beschäftigung mit Kindern, intensive Lernbeziehungen, Gespräche und Unternehmungen statt Absitzen in Unterrichtsverrichtungsboxen (Klassenzimmer) mit steuerfinanzierten und ebenfalls absitzenden ABC-Promotern (Schulbeamte).

iii homeschooling.de/neufeld.htm

iv Großmann, Spitzer, Hüther, Singer u.a.

v Ludwig, Claudia u. Mannes, Astrid, Hrsg.: Mit der Spassgesellschaft in den Bildungsnotstand. Leibniz Verlag, St. Goar, 2003